Consent Culture

Dies ist eine Übersetzung von Cliff Pervocracys “Consent Culture”; das Original findet sich hier.

Ins Deutsche übersetzt von Nike L., veröffentlicht mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Eine weitere Übersetzung ins Deutsche (von deren Existenz ich zunächst nichts wusste) findet sich auf dem deutschen Ableger von Feminismus 101.

Es gibt einen Gegenentwurf zur rape culture: consent culture, eine Gesellschaft der Zustimmung, des Einvernehmens, des allseitigen Einverständnisses.

Consent culture ist ein Gesellschaftsmodell, in der das Verständnis von Sex und Sexualität – und von menschlicher Interaktion überhaupt – von Einvernehmen und Einverständnis bestimmt ist.
Es ist eine Gesellschaft, die davor zurückschreckt, irgendjemanden zu irgendetwas zu zwingen; eine Gesellschaft, die die absolute Notwendigkeit körperlicher Selbstbestimmung respektiert, eine Gesellschaft, die daran glaubt, dass jede*r einzelne am besten weiß, was er*sie will und braucht.

Es geht dabei nicht nur um Sex. In einer consent culture ist allseitiges Einvernehmen Teil des gesellschaftlichen Umgangs. Du willst nicht mit jemandem reden? Musst du auch nicht. Du willst nicht umarmt werden? Gut, keine Umarmung. Du willst nicht vom Eintopf probieren? Das ist völlig in Ordnung. Du willst nicht gekitzelt oder gekniffen werden? Niemand darf dich festhalten und es trotzdem tun.

Es gibt eine gute Nachricht: Es gibt etwas, das du tun kannst, um consent culture auf den Weg zu bringen, und zwar mehr als nur dadurch, nicht zu vergewaltigen – wobei das ein ausgezeichneter Anfang ist.

Wie du zur consent culture beitragen kannst:

1. Vergewaltige nicht. Niemanden. Das kann nicht oft genug gesagt werden. Dabei heißt “Vergewaltige nicht” nicht nur “nicht nachts maskiert in dunklen Gassen Fremde überfallen”. Es heißt auch: Habe keinen Sex mit jemandem, der*die nicht absolut eindeutig, enthusiastisch, und fortwährend damit einverstanden ist. Habe keinen Sex mit jemanden, der*die “na gut” sagt oder “meinetwegen” (es sei denn, er*sie hat dabei ein breites Grinsen im Gesicht). Überrede niemanden zu Sex. Wenn er*sie keinen Sex will, nicht aus der Tiefe des Herzen und, oder der Lenden, Sex mit dir will, respektiere das.

2. Wenn jemand keinen Sex mit dir haben will, und ihr also keinen Sex habt, sprich darüber. Lass deine*n Partner*in wissen, dass du verstimmt bist, aber auch, dass du stolz darauf bist, dass du damit umgehen kannst.

Es ist schwierig, solche Diskurse zu beschreiben – zum Teil, weil sie so offensichtlich sind, so wie: “Echt mal, es war wirklich nett von dir, mich nicht zu vergewaltigen!”, aber es sind wichtige Handlungsmuster, die in den allgemeinen Gebrauch übergehen müssen. Das, was wir in Gesprächen von anderen hören, formt unsere Vorstellung von Sex, und Geschichten, die nicht in das “Hab Sex oder sei ein Loser”-Raster fallen, sind wichtig, um diese Vorstellungen zu ändern.

3. Wenn jemand erzählt, wie er*sie sie jemanden zu Sex gedrängt oder überlistet hat, weis’ sie zurecht (wenn es für dich kein Risiko darstellt) – “Das ist nicht in Ordnung. Es klingt nicht als ob er*sie das wollte”. Du musst nicht das V-Wort benutzen, du musst ihnen nicht sagen, dass sie verhaftet gehören, du musst sie nicht als miese Vergewaltiger bezeichnen – du musst nur klarstellen, dass sie dafür sicher keinen Beifall bekommen. Wenn jemand über Sex prahlt als wäre es ein Streich, den er*sie seinem*r Partner*in gespielt hat, dann sorg dafür, dass die Stimmung frostig wird.

Das kannst du sogar mit fiktiven Angelegenheiten machen, und du musst dabei nicht einmal todernst sein. Ohne Gardinenpredigten zu halten oder eine Spaßbremse zu sein, vermittelt es leise das Verständnis, dass “Komm schon, du willst es doch auch” keine völlig legitime Art und Weise ist, Sex zu bekommen.

4. Wenn du siehst, dass jemand misshandelt wird, schau nicht weg. Sei zumindest Zeuge – schon die Anwesenheit einer anderen Person kann jemandes größte Sicherheit sein. Noch besser ist es, einzugreifen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist.

5. Bevor du jemanden anfasst, frag. Frag: “Darf ich dich in den Arm nehmen?”, und wenn die Antwort “Nein” ist, tu’s nicht – und dann mach dieser Person keinen Vorwurf, dass sie unfreundlich oder kalt ist. Mach kein großes Gewese drum, gewöhn es dir an. Wenn jemand sagt “Du brauchst doch nicht zu fragen!” nick mit dem Kopf und lächle und frag weiterhin.

6. Triff Abmachungen über Sex! Triff ausdrückliche Abmachungen über sexuelle Aktivitäten. Mach es absolut klar, dass Sex und sexuelle Spielereien für dich nicht abgemachte Sache sind, und dass dein*e Partner*in es sich über jeden Aspekt jederzeit anders überlegen darf – und du auch. Frag lieber einmal zuviel als einmal zuwenig, und sag kitschige Dinge wie “darf ich dich jetzt küssen?” und “ich würde gerne deine Brust berühren”.
Alle Jubeljahre kommt es vielleicht vor, dass jemand nicht über Sex reden will, oder sagt “Damit hast du grade völlig die Stimmung ruiniert”. Lass dich mit dieser Person nicht ein – wenn sie nicht verhandeln will, ist das ihr Problem, nicht deins. Du stellst damit das Prinzip “Einverständnis ist wichtig!” über das Prinzip “Sex um jeden Preis!”. Das spricht für dich, und du darfst damit angeben..

7. Triff Abmachungen über Sex, wieder und wieder! In einer dauerhaften Beziehung ist es vielleicht nicht nötig, jedes einzelne Mal zu fragen, ob du deine*n Partner*in küssen darfst. Es ist aber wichtig, weiterhin darüber zu reden, was ihr wollt, und was ihr nicht wollt. Ihr seid zwar keine Fremden mehr, aber ihr seid auch nicht zu einer Person verschmolzen. Haltet aktive Zustimmung, aktives Einvernehmen in eurer Beziehung aufrecht.

8. Freu dich auf’s Einverständnis. Vielleicht klingt es so, als ob das Einholen von Einverständnis eine lästige Aufgabe ist, aber es ist das genaue Gegenteil! Den/die andere*n nach Einverständnis zu fragen ist ein Moment köstlicher Spannung, ein Moment von tiefer emotionaler Bindung.

Ein “Ja” sagt dir, dass jemand wirklich auf dich steht, dass er*sie dich wirklich will. “Ja” heißt, dass er*sie nicht einfach nur mitmacht, sondern dass er*sie ill, was als nächstes kommt, wirklich will. Nach Einverständnis zu fragen heißt nicht “Tagesordnungspunkt Einvernehmen: abgehakt”, sondern “Oh, großartig, das macht es so viel besser!”

Ein “Ja, unter Vorbehalt” hilft dir, ein*e bessere*r Liebhaber*in zu sein, jemand, der einem*r anderen das geben kann, was er*sie will und nichts, das er*sie nicht will.

9. Lerne ein “Nein” zu schätzen. Ein “nein, wirklich überhaupt nicht” ist bittersüß – wobei, manchmal ist es echt niederschmetternd – aber es gibt Sicherheit. Wenn du sowieso keinen Sex haben wirst (und das wirst du nicht, und wenn doch, ist es Vergewaltigung), erspart es dir wenigstens Nachgedanken à la “Warum hab ich’s nicht probiert, vielleicht wäre doch noch was draus geworden.”

Denk daran: Einverständnis einzuholen heißt nicht, dass jemand eine Entscheidung trifft, mit dir Sex zu haben oder nicht. Diese Entscheidung wird getroffen, auf die eine oder andere Weise. Um Einverständnis zu fragen heißt nur, dass du weißt, wie die Entscheidung lautet.

10. Sprich über Einverständnis. Wenn du über Sex sprichst, mach Einverständnis zu einem Teil der Geschichte. Einverständnis ist ein Teil des Geschehens, etwas, das bei Sex selbstverständlich sein sollte:

“Ich hab Sandra gefragt ob sie mit mir rummachen will und sie hat sowas von ja gesagt.”
“Ich kann’s kaum glauben, Jana hat mich gefragt ob wir Sex haben können und es war der Wahnsinn!!”
“Ich hab gehört dass Olli und Melanie – verrat das bloß niemandem! – bei Lenas Party abgemacht haben, dass sie miteinander ins Bett gehen!”

11. Lass Einverständnis nicht an der Schlafzimmertür enden.
In unserer Gesellschaft ist es weit verbreitet, dass mensch andere Menschen zu Handlungen zwingt, und deswegen ist es so schwierig, sich mit der Vorstellung zu arrangieren, dass eins anderen keine sexuellen Aktivitäten aufdrängen darf.
Schaff diesen Mist aus deinem Leben. Wenn jemand nicht zu einer Party gehen möchte, kein neues Gericht ausprobieren will, nicht aufstehen und tanzen, nicht am Mittagstisch über das Wetter reden möchte – es ist sein*ihr gutes Recht. Hör auf mit dem “Ach, komm schon” und “nur dieses eine Mal” und all diesen Spielen, wo du jemanden spielerisch zwingst, doch mitzumachen. Akzeptiere ein Nein als Nein – immer, jedesmal.
Was über die Notwendigkeiten bei Gesundheit und Bildung hinausgeht (und selbst das ist eine Grauzone), ist das auch bei Kindern nicht in Ordnung. Die Autorität, die Erwachsene über Kinder haben, sollte nicht dazu benutzt werden, sie zu Dingen zu zwingen – und sei es zum Spielen, oder sich umarmen zu lassen. Das ein schlechter, beängstigender Präzedenzfall dafür, wie mensch sich zu seinem*ihrem eigenen Vorteil bei jemandem durchsetzen kann.

Es ist eine gute Übung, eigene Grenzen zu ziehen, auch außerhalb des Schlafzimmers. Es kann unerhört befreiend sein, so kleine Dinge zu sagen wie “Nein, ich will nicht neben dir sitzen.” “Nein, ich werde dir meine Telefonnummer nicht geben.” “Ich liebe es, geknuddelt zu werden, aber bitte frag vorher.” Es ist eine gute Übung für die großen Dinge. Sich daran zu gewöhnen, an das “Dieser Mensch will nicht, dass ich nein sage; es wird ihm*ihr nicht gefallen, dass ich nein sage, und ich tue es trotzdem” ist eine bedeutende, wichtige Angelegenheit.

Es ist nicht einfach, consent culture – eine Gesellschaft des gegenseitigen Einvernehmens, eine Einverständnisgesellschaft – aufzubauen. Einvernehmen hat festen Halt in der BDSM-Szene; dort spricht man wenigstens viel über Einvernehmen, obwohl es auch dort nicht eben ausgeprägt ist. Auch im Mainstream hat allseitiges Einvernehmen Einzug gefunden, wenn auch in minimalem Maß. Es wächst in Mikrokulturen, in kleine Blasen von sex-positiver Einstellung und Cliquen, in denen Einverständnis die Norm ist; und es hat Potential, weiter und weiter zu wachsen. Gib dem allseitigen Einvernehmen die Hand. Mache es zu einem Teil deines Lebens. Fang an, consent culture zu leben.

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