Generell ist bei einem Notfall jede/r den eigenen Fähigkeiten entsprechend zur Hilfeleistung verpflichtet.

Ich bin inzwischen Sanitäterin. Ich kann einen Schlaganfall erkennen, einen Knochenbruch schienen, ich habe immer Latex-Handschuhe dabei. Es ist die Nacht von Dienstag auf Mittwoch, morgens um halb zwei; Andy und ich gehen vom Kino nachhause. Wir biegen in eine Nebenstraße und dort lehnt vor einer Kneipe, die längst dichtgemacht hat, ein Mensch sitzend an der Wand – eine der häufigsten Ursachen für tödlich verlaufende Hypothermie ist das Einschlafen im Freien, die Bierflasche noch in der Hand. Alkohol erweitert die Gefäße und fördert so die Abgabe von Wärme an die Umgebung.

Wir hören ihn schnarchen; ein gutes Zeichen, er atmet noch. Ich folge dem Protokoll: ansprechen “Hallo! Hallo, können Sie mich hören?” – keine Reaktion; ich rüttele ihn an der Schulter, “Ich heiße Nike, ich bin hier um Ihnen zu helfen!”. Er öffnet die Augen und schaut mich an; ich frage ihn, ob er aufstehen kann, ob ich ihm aufhelfen soll. Ich halte dem Menschen am Boden beide Hände hin, doch anstatt sich von mir aufhelfen zu lassen, versucht er, mich zu sich hinabzuziehen und ruft
“Ich will KUSCHELN!”
– “Kuscheln haben wir nicht”, sage ich, “du stehst jetzt auf und gehst nachhause”, und ziehe ihn in eine aufrechte Position. “Kriegste das hin?”
– “Du hast keine Chance,”, sagt er und schaut mich an, “du bist ganz allein!” Ich wiederhole laut lachend: “Ja, ich bin ganz alleine”, denn neben mir, kaum zu übersehen, steht Andy steht mitsamt Fahrrad.
– “Du bist ganz allein”, wiederholt er. “Ab nachhause mit dir!”, sage ich, er entgegnet: “Nachhause? Ich geh in’n Puff!”
– “Solange es da warm ist”, sage ich; Andy und ich setzen unseren Weg fort. Als ich mich umdrehe, wankt der Mensch in Richtung Hauptstraße.

Bei der Hilfeleistung sind natürlich alle Regeln des Eigenschutzes zu beachten.

…nächstes Mal überlege ich mir gut, ob ich nicht einfach einen Krankenwagen rufe.

Mein Langenscheidt-Sprachkalender mal wieder.

Montag, 19. Mai.
“Ces produits sont-ils pour les femmes, pour hommes ou pour les deux?” (“Sind diese Produkte für Frauen, für Männer, oder für beide?”) plus eine Liste von Dingen, die die meisten Menschen im Badezimmer aufbewahren würden.

Weil ich überhaupt keine anatomischen oder moralischen Bedenken dabei habe, wenn Männer sich die Wimpern tuschen oder Frauen After-Shave benutzen, habe ich alle Produkte in beiden Kategorien eingetragen und natürlich wieder einmal nicht die volle Punktzahl erlangt. Die Auflösung? Während sowohl Männer, als auch Frauen Duschgel und Shampoo benutzen dürfen, habe ich in den letzten Jahren meine Geschlechtsidentität offensichtlich durch die Nutzung von Rasierschaum betrogen und damit althergebrachte Paradigmen zerstört. Quel dommage.

Robert ist zurück! Er versteht nicht, warum ich nicht mehr mit ihm befreundet sein will und schreibt mir folgende Nachricht:

“Ich habe jetzt lange nach Gründen gegrübelt und ich könnte wirklich nur vermuten das [sic] die Kündigung der Freundschaft in der etwas unangepassten Bemerkung bezüglich der Porno Darstellerin [sic] begründet ist. Wenn dies der Fall ist muss ich doch auf die unverhältnismäßigen Härte der Entscheidung verweisen und hoffen das [sic] du es vielleicht noch mal überdenkst. Wenn es etwas anderes war das uns entzweit hat, dann möchte ich es wirklich wissen. Ich wünsch dir trotzdem alles gute.”

Ist ja großzügig, dass er mir alles Gute wünscht, obwohl er meine Entscheidungen nicht respektiert. Da brauche ich mir auch nicht einzureden, dass “unangepasst” eine iPhone-Autokorrektur von “unangebracht” ist.

Was habe ich mich letztes Jahr über den Langenscheidt Sprachkalender Französisch geärgert. Bei allen Lückentexten ist die männliche Form richtig, nie die weibliche, obwohl es vom Kontext her auch die weibliche sein könnte; immer ist die richtige Lösung die, wo Coraline gerne shoppen geht und Sébastien Skateboard fährt obwohl es grammatisch auch anders herum richtig wäre usw. usf.
Der Sprachkalender 2014 ist… anders. Nicht nur vom Design und Aufbau her, sondern bis Anfang Februar bin ich bisher keinem sexistischen Witz, keinem Klischee begegnet. Dafür gab es letzten Donnerstag diesen Text:

Jeudi, 6 Février

La différence
“Un petit garçon et une petite fille sont dans le même lit.
Le petit garçon: Dis, tu sais quelle est la différence entre un garçon et une fille?
La petite fille: Non, c’est quoi?
Le petit garçon soulève les couvertures et dit: Regarde, c’est simple. Toi, tu as un pyjama rose et moi, un bleu.

(Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen liegen im selben Bett.
Der kleine Junge: Sag mal, weißt du, welchen Unterschied es zwischen einem Jungen und einem Mädchen gibt?
Das kleine Mädchen: Nein, welchen?
Der kleine Junge hebt die Decken und sagt: Schau, das ist einfach. Du hast einen rosafarbenen Schlafanzug und ich einen blauen.)

Ich gehe davon aus, dass das ein Witz sein soll – wir erwarten nach “der kleine Junge hebt die Decken” einen Verweis auf anatomische Unterschiede? – aber die Auflösung durch die willkürlich auferlegte Farbsymbolik lässt mich hoffen. Vielleicht wird 2014 ein gutes Jahr.

Ich war neulich bei einer Fortbildung zum Thema “Gender- und Diversity-Kompetenz” und eine der Einstiegsfragen lautete:
“Kannst du ein Beispiel aus deinem Alltag nennen, bei dem dein Geschlecht oder deine Herkunft eine Rolle gespielt hat?”

Klar, kann ich [1]! (Ein großer Teil meines Alltags besteht aus “mich wundern” und “versuchen, mich nicht zu ärgern”) Hier sind meine Notizen zu Vorkommnissen eines willkürlichen Tages – Donnerstag, der 12. September.

07:40.
Mein Arbeitgeber hat einer Konferenz wegen zwei Dutzend junger Gäste in einem Hotel untergebracht, und ich schlage dort auf, um sie einzusammeln und ins Tagungshaus zu bringen. Ich stelle mich dem Rezeptionisten vor:

“Guten Morgen, mein Name ist Nike L., ich bin von der [Stiftung]. Wir haben einige Gäste hier untergebracht und ich bin hier, um sie abzuholen und zur [Stiftung] zu bringen.”
Rezeptionist: “Gut machst du das! [Kurze Pause]. Was willst du trinken?”

Die Freude über die kostenlose Apfelschorle weicht schnell dem Grübeln über die Bemerkung. War das nett? Nett gemeint? Herablassend? Warum sollte ich das nicht gut machen (Stichwort: Microinvalidation)?! Warum glaubt dieser Mensch, dass er meine Arbeit beurteilen darf? Warum glaubt er, dass mich sein Urteil interessiert? Hätte er das einem männlichen Kollegen genauso gesagt?

09:00.
Ich erzähle einer Kollegin von dem Erlebnis im Hotel und sie entgegnet: “Das ist doch schön, wenn der Tag mit einem Kompliment beginnt.” Das ist doppelt frustrierend; nicht nur bin ich verwirrt und verärgert über den unangebrachten Kommentar, jetzt wird mir zusätzlich zu verstehen gegeben, dass ich mich über diese Behandlung freuen sollte.

10:30.
Ich nutze eine kurze Pause, meine geschäftlichen e-Mails zu lesen und die neusten Nachrichten zu überfliegen. In der SZ heißt es in einem Artikel (“Kokain in falschem Babybauch entdeckt”) “(…) Instinktiv berührte die Ermittlerin sanft den Bauch der Dame und bemerkte, dass er zu hart und zu kalt war.”
Was ist das für ein Instinkt, einer schwangeren Frau an den Bauch zu patschen?? (Übergriffigkeit – jetzt ein Instinkt! Widerstand zwecklos!)

13:30.
Ich esse mit den Gästen zu Mittag und freue mich, dass das Catering komplett vegan ist; Freude, die ich mit dem pakistanischen Delegierten teile, der zufällig neben mir sitzt. Folgender Dialog entspinnt sich [2]:
Mohsin: “You’re completely vegan?”
Nike: “Yeah!”
Mohsin: “So who was your role model?”
Nike: “Huh! I don’t think I really had one, I just think that consuming animal products is wrong for a number of reasons, first of all…”
Mohsin (interrupts): “Let me help you! West coast… talk show host…”
Nike: “What!! I, look! I didn’t even know that – what?”

Ich versuche, deine Frage zu beantworten, mit rationalen und nachvollziehbaren Gründen, und du unterbrichst mich, weil du glaubst, dass du die Antwort kennst. Und du hast natürlich recht, weil es undenkbar ist, dass ich eigene, informierte Entscheidungen über meine eigene Ernährung treffe. Natürlich.
Und das ist nicht nur das Gespräch eines Nicht-Veganers mit einer Veganerin, das ist eine von zwölfundreißig Vorkommnissen jeden Tages, an dem Leute mich mit der selben Selbstverständlichkeit unterbrechen, mit der sie meine männlichen Kollegen ausreden lassen, und in zu denen mal wieder zum Ausdruck gebracht wird, dass nur Männer rational sind, Frauen aber emotional. Männer entscheiden, Frauen ahmen nach.

21:15.
Ich laufe mit einigen der Teilnehmer*innen der Konferenz in Richtung S-Bahn; wir unterhalten uns.
Klaas: “Und du arbeitest bei der [Stiftung]?”
nike: “Ja, ich bin studentische Hilfskraft.”
Klaas: “Und was machst du da so, was sind deine Aufgaben?”
nike: “Das ist unterschiedlich; im wesentlichen mache ich das, was andere mir sagen.”
Klaas: “Hol mir ein Bier.”
(Lieber Klaas: gerne! hier eine Flasche der Marke Fick dich.)

[1] Meine Herkunft wirft in Deutschland selten Fragen auf – ich bin blond und habe blau(-grün)e Augen – daher konzentriere ich mich hier auf das Geschlecht.
[2]: Deutsche Übersetzung:
Mohsin: “Du lebst vollständig vegan?”
Nike: “Ja!”
Mohsin: “Und wer war da dein Vorbild?”
Nike: “Hm! Ich hatte nicht so wirklich eins, ich denke einfach, dass es falsch ist, tierische Produkte zu konsumieren – aus verschiedenen Gründen, zuallererst…”
Mohsin (unterbricht): “Ich geb dir einen Tipp: Westküste… hostet eine Talkshow…”
Nike: “Was!! Ich – hä? Ich weiß nicht – was?”

Es ist überall . Es ist subtil. Alles ist davon durchsetzt, und ich: ich mache mit. Ich muss!

Dies sind zwei Sätze, die ich im Laufe eines Arbeitstages zwischen zwei- und zwanzigmal sage:
“Na klar, das mach’ ich gern. Können Sie mir wohl Ihren Nachnamen buchstabieren?”
“Mein Name ist [Nachname] ich buchstabier’s Ihnen: …”

Und wie buchstabiere ich? Ich benutze, natürlich, die deutsche Buchstabiertafel, die in der Deutschen Industrienorm (DIN) 5009 kodifiziert ist.

Wer damit nichts anfangen kann, dem buchstabiere ich mal den Mädchennamen meiner Großmutter: “S wie Siegfried, A wie Anton, zweimal T wie Theodor, L wie Ludwig, E wie Emil, R wie Richard”, oder gleich: Siegfried, Anton, zweimal Theodor, Ludwig, Emil, Richard [1]. Alles klar?

Die Wörter, die laut der Buchstabiertafel zum Buchstabieren verwendet werden, lassen sich in vier Kategorien einteilen: männliche Vornamen (Anton, Cäsar, Emil…), weibliche Vornamen (Berta, Dora, …), männliche Berufsbezeichnungen (Ökonom, Kaufmann) und sonstige (Nordpol, Quelle, …). Wie verhalten sich diese Kategorien zahlenmäßig zueinander? Nun, es ist kein Zufall, dass der Mädchenname meiner Großmutter allein Männer heraufbeschwört.

Mehr als die Hälfte der Buchstaben – 17 an der Zahl – werden mit männlichen Personennamen oder -bezeichnungen denotiert; der verbliebene Rest verteilt sich auf die Kategorien “weibliche Vornamen” und “sonstige”. Dabei entfallen auf weibliche Vornamen sechs Buchstaben (Berta, Dora, Ida, Martha, Paula, Xanthippe), sieben auf sonstige (Ärger, Nordpol, Quelle, Übermut, Ypsilon, Zeppelin [1], Eszett). Das heißt, weibliche Vornamen machen grade ein Fünftel der Begriffe aus, die zum Buchstabieren verwendet werden!

Hier sind wir noch nicht am Ende, denn natürlich sind im Deutschen nicht alle Buchstaben gleich häufig. Ich habe mir angeschaut, wie die Häufigkeit der Buchstaben im Deutschen mit ihren Entsprechungen korrespondiert, d.h. wir addieren die relative Häufigkeit des Vorkommens aller Buchstaben einer Kategorie und (oh Wunder) es zeigt sich, dass über 70 Prozent in einem Text verwendeten Buchstaben mit einem männlichen Namen oder einer männlichen Berufsbezeichnung buchstabiert werden.

Das deutsche Buchstabieralphabet ist eine genormte, allgemein bekannte, alltägliche Art und Weise in der wir männliche Überrepräsentation zum Standard erheben und erhalten.

Mein Vorschlag: wir nehmen uns ein Beispiel an Anton, Berta, Cäsar, Dora und Emil die sich brav abwechseln, und machen einfach so weiter: Gertrud, Heinrich, Ida, Kim [2], Ludwig, Martha… . Wo stelle ich einen Antrag auf Änderung einer DIN?

[1] Niemand, wirklich niemand sagt “Z wie Zacharias”.
[2] Wo wir grade dabei sind, brechen wir auch gleich aus der Geschlechterbinarität aus.

In dem Diskurs [1] in dem ich mich bevorzugt aufhalte, dürfen diskriminierende, abwertende Bezeichnungen für Gruppen von Personen nur von denen verwendet werden, die dieser Gruppe angehören. (Um die Bezeichnung zu erobern und sie positiv umzudeuten, natürlich). Ich habe grade beschlossen, dass sich in diesem Diskurs einfach alle Leute befinden.
Soll heißen, wenn du von “Tunten” sprichst oder von “Museln” gehe ich einfach davon aus, dass du damit dich selber meinst. (:

Das macht den ersten Uni-Tag dieses Semesters rückblickend gleich sehr viel glücklicher.

[1] In dem Diskurs, in dem ich mich gerne aufhalten möchte, ist es übrigens Sitte, jeder Verwendung des Begriffes ‘Diskurs” hinzuzufügen, in welcher Bedeutung er grade verwendet wird. Für dieses Beispiel gilt: Diskurs, “ein regelgeleitetes System von Aussagen, die als wahr gelten und die die Eigenschaft haben, Realität zu strukturieren und zu kreieren; die Regeln beinhalten Ausschlußkriterien all dessen, was sag- und denkbar ist und bestimmen die Sprecher des Diskurses”.
(Nehmt mir bitte diese Definition nicht weg, die hat sich bei uns im Institut so eingenistet).

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.